Leseprobe

Finnlandfahrt 1958
von Johanna Völker


Wir verstanden etwas ähnliches wie »saksalainen« und freuten uns darüber. Diese saksalainen sollten nur 1 km entfernt von uns wohnen. Wir beschlossen sofort, sie zu besuchen. Nachher stellten wir fest, dass es sich um Finnen handelte, die Deutsch sprachen. Als die Bauern aufbrachen, gingen Herr Lampasiak, Sabine und ich mit, um uns den Hof anzuschauen und zu skizzieren. Wir gingen lange Zeit durch den Wald. Wir drei mussten uns immer wieder bücken nach den verlockenden Erdbeeren. Die Finnen gingen ganz gelassen daran vorbei.

So etwas konnten wir uns nicht vorstellen. Bald lichtete sich der Wald und ein Pferd kam uns entgegen. Herr Lampasiak freundete sich mit ihm an und sprang kühn auf seinen Rücken. Er ritt bis vor das Tor. Dort drehte der Braune sich um und trabte wieder in den Wald. Wir konnten nun verschiedene Gebäude sehen. Es waren alles Blockhäuser. Wir setzten uns sofort hin und zeichneten sie.

Die Leute kamen und schauten uns zu. Manchmala sagten sie: »Hyvä!« Es gab dort ein altes Backhaus. Die Balken waren sehr schwarz von dem Rauch. Wir durften auch hineingehen und sahen einen großen steinernen Backofen. Es gab keine moderne Einrichtung in dem Raum. Alles war alt und einfach. Eine riesige alte Tanne stand neben dem Haus. Es lagen noch einige Steine davor, und dazwischen wuchs Gras. Dieses Bild erinnerte uns sehr an den Schwarzwald.

Eine große Schuene stand nicht weit entfernt vom Backhaus. Der alte Opa führte uns hinein und zeigte uns voller Stolz die Dreschmaschine. Allerlei Gerätschaften standen herum, die der Opa selbst angefertigt hatte. Ein paar neugeschnitzte Schlittenkufen bewunderten wir. Sie waren beide sehr schön gleichmäßig gebogen. Der Alte hatte esich einen kräftigen Wacholderstrauch dazu ausgesucht, der eine gut geformte Wurzel hatte. So mussten die Kufen nicht erst zurechtgebogen werden.

Nun gingen wir hinüber in das Wohnhaus. In einer Stube stand ein großer Webstuhl. Die rüstige kleine Oma setzt sich daran und webte uns etwas vor. Schnell entstand ein schönes Muster aus den weißen Fäden. Es war schon viel Stoff gewebt und aufgerollt. Das sollten Handtücher werden. Dann gingen wir in das Wohnzimmer. Dort war ein sehr alter Kamin.

Ein Spinnrad stand darauf. Die ganze Stube hatte etwas mittelalterliches an sich. Nur eine moderne Errungenschaft, das Radio, wurde sofort eingeschaltet. Wir durften uns mit der Familie zu Tisch setzen und bekamen Kaffee und Kuchen. Immer wieder wurde uns Kaffee nachgeschenkt. Der Opa saß schweigend dabei und trank auch sehr genüsslich seine Tasse Kaffee.

Wir hatten unsere Flöten mitgebracht und setzten uns damit vor das Haus. Alle kamen mit hinaus und hörten zu, wie wir musizierten. Sehr dankbar nahmen wir Abschied und gingen einen sehr schönen Feldweg entlang. Das reife Korn wogte an den Seiten und viele Blumen leuchteten darin. Sie waren alle sehr üppig und farbenkräftig.

Es war eine Lust, durch diese Sommerpracht hindurchzuschreiten. Wir trafen die anderen bald und sammelten Blaubeeren. Sie wuchsen wieder dicht bei dicht. Am späten Nachmittag gingen wir gemeinsam zu dem Bauerngehöft. Wir fragten, ob wir am nächsten Tag in die Sauna dürften. Die Alten willigten gutmütig ein. Nun kamen ein großer Junge und ein Mädchen hinzu.

Sie konnten etwas Deutsch und stellten sich bei uns vor: das sehr feine und klug aussehende Mädchen Satu und ein riesiger bärenstarker Junge, der Tapio. Er war noch ziemlich unbeholfen in der deutschen Sprache, während Satu sehr schnell antworten konnte. Wir schätzten sie 17 Jahre alt und Tapio etwas älter. Als wir zu unserem Lagerplatz zurückgingen, begleiteten sie uns. Auch das junge Volk von den Bauern kam mit. Sie wurden alle in eine Kohte verfrachtet und ein Feuer wurde angezündet. Wir saßen so dicht gedrängt.

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