Leseprobe

Die Schlacht am kahlen Kandelaber
von Helmut König

Es waren ihrer Tausende, die sich zu großen Taten zusammenfanden. Eine Stadt mußte erobert werden, und sie sangen "Wir sind die Illegalen", daß es weit über den halb zugefrorenen Langsee schallte. Und Schleswig lag so nahe. Das Zentrum der Stadt - der große Kandelaber auf dem Marktplatz - mußte das Ziel sein; wenn er gesprengt wäre, dann sei der Sinn des Kampfes erfüllt.

Wir sprechen natürlich von Symbolik, und da kann das Ziel nicht groß genug geträumt werden.

Es waren ihrer Hunderte, die sich entschlossen auf den Weg machten, am Sylvesterabend 1949. Als heimliches Zeichen hatten sie Halstücher um den linken Arm geknotet, und so sickerten sie auf Schleichwegen in die Stadt ein. Man hörte Knallfrösche, Maschinengewehrfeuer, hier und da aufknattern, dazwischen auch einen verfrühten Böller. Und da eine solch bedeutende Stadt nun nicht kampflos überrascht werden konnte, gab es die wachsamen Verteidiger. Als heimliches Zeichen hatten sie Halstücher um den rechten Arm geknotet. Und da ein guter Krieg seine festen Regeln haben mußte, war durch Unterhändler geregelt worden, daß, wer seines um den Arm geknoteten Halstuches verlustig gehen sollte, womöglich durch feindlichen Eingriff, sofort zu sterben habe. Natürlich auch symbolisch.

Irgendwelche der finsteren Angreifer hatten einen Pappkarton dabei, darin war die Sprengladung. Sie galt es an den Fuß des Kandelabers zu legen und mittels einer Zündschnur einen darin verborgenen Böller zur Entladung zu bringen. Dann sei die sündige widerborstige Stadt erledigt. Auch, natürlich, symbolisch.

Womit übrigens hinreichend geklärt ist, daß auch die Terroristerei zwanzig Jahre später auf die faschistischen Machenschaften der Nachkriegs-Jungenschaften zurückzuführen war; da mußte sich nur noch einer finden, der vom Saulus zum Paulus würde. Oder umgekehrt.

...mehr im dem Buch »Auf dem Weg« Erscheinungsdatum: 12.12.2008
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