Leseprobe

Reif werden zur Liebe
Pubertät und Adoleszenz: ein risikoreiches Entwicklungsalter
von Johannes Denger


Im Erziehung und Bildung verlangen heute nach einem individuellen Zugang, der das Entwicklungspotential des Einzelnen ernst nimmt und eine Antwort auf die Frage gibt, wie der Mensch zu einer weitgehenden Übereinstimmung mit sich selbst und in der Folge mit der Welt kommen kann.

Sie stellt sich für einen Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung genau so, wie für einen potentiellen Einserabiturienten. Sind Über- und Unterforderung gleichermaßen schädigend, so führt das rechte Maß an Forderung zum Kohärenzgefühl, dem Gefühl der Übereinstimmung und wirkt damit gesundend auf den Menschen.

Erziehung und Bildung sind so gesehen immer auch Heilung. Das große Ziel der Pädagogik Rudolf Steiners, die Erziehung zur Freiheit, das durch Alltagsroutine und so genannte Anforderungen des modernen Lebens immer wieder in Vergessenheit zu geraten droht, meint nichts anderes, als dass der Einzelne am Ende der Schulzeit das tun können soll, was er will - nicht im Sinne der Willkür, sondern im tieferen Sinne als Antwort auf die Frage nach dem Motiv und Ziel des eigenen Lebens, der Wahl seiner selbst.

Dies schließt auch die Suche nach einem Weg ein, sich an Widerständen zu entwickeln. Eine entscheidende Phase, die wesentlich zum Grad der Übereinstimmung eines Menschen mit sich selbst beiträgt, ist die Pubertät und Adoleszenz.

Die Jugendzeit ist historisch gesehen eine relativ junge Erfindung. Noch im Mittelalter war die Abgrenzung zwischen Erwachsenen und Kindern in den großen ländlichen Lebenszusammenhängen der Sippe unscharf; Kinder mussten früh mitarbeiten, man aß und schlief in einem großen Raum, in dem auch gezeugt, geboren und gestorben wurde.

Familie als Gemeinschaft von Eltern und Kindern entwickelte sich erst im 15. und 16. Jahrhundert aus den Sippen- und Stammesverbänden. Kinderarbeit war in der agrarischen und später auch noch in der industriellen Gesellschaft für viele Familien existentiell notwendig. Unter Ludwig dem XIV. gab es vierzehnjährige Leutnants und die Mädchen wurden nicht selten mit zwölf Jahren verheiratet. Das änderte sich erst mit der Einführung der Schule als einem Ort der Unterhaltungen und der Muße, die man der Wissenschaft widmete und schließlich mit dem Verbot der Kinderarbeit und der Einführung der Schulpflicht. (ARLT, 1992)

Jugend - biologisch gesehen: Die Pubertät
Es gibt wohl keine zweite Entwicklungsphase, die derart umwälzende und dramatische Veränderungen mit sich bringt, wie die Pubertätszeit.

Der puberale Wachstumsschub, ausgelöst durch die Ausschüttung von Hormonen (Androgenen und Östrogenen) führt zu einem Wachstum von bis zu zwölf Zentimetern pro Jahr, zum Wachstum der inneren und äußeren Sexualorgane und zur Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale: Scham- und Axillarbehaarung, subkutanen Fetteinlagerungen wie Brust- und Hüftentwicklung beim Mädchen, beim Jüngling zu Stimmbruch, Bartwuchs und Verbreiterung des Schultergürtels.

Die erste Regelblutung beim Mädchen tritt durchschnittlich mit 12,5 Jahren ein, der erste Samenerguss beim Jungen mit 14,2 Jahren, wobei die Streubreite bei beiden Geschlechtern das Alter von etwa 9 bis 17 Jahren umfasst. Ist es verwunderlich, dass ein solcher leiblicher Entwicklungsschub oft zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit, niedrigem Blutdruck, kurz: zu Unlust und Herumhängen führt? Und das in einer Zeit der höchsten schulischen Anforderungen!

...mehr im dem Buch »Auf dem Weg« Erscheinungsdatum: 12.12.2008
Subskriptionspreis: 29 Euro (Ladenpreis: 36 Euro)