Leseprobe

»Mit uns zieht die neue Zeit!«
Sozialistische Jugend zwischen Sozialdemokratie, Reformpädagogik und Jugendbewegung
von Kay
Schweigmann-Greve

Im Jahre 1997 feierte der Wandervogel sein einhundertjähriges Bestehen, im Jahre 2004 die "Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken", die organisatorische Erbin der historischen Arbeiterjugendbewegung in Deutschland. Die Pfadfinder, die im Jahre 2007 den 100 Jahrestag der britischen Ur-Pfadfinderschaft begehen, und zahlenmäßig in Deutschland das Erbe von Wandervogel und der bündischen Jugend angetreten haben, können ihre Wurzeln hierzulande bis in die zwanziger Jahre zurückverfolgen.

Etwa ein Jahrhundert lang existierten die bürgerliche und die - ursprünglich - proletarische Jugendbewegung nebeneinander, ohne wirklich Kenntnis voneinander zu nehmen. Bis heute nimmt man sich immer noch fast nur in der dezidierten Abgrenzung voneinander wahr. Dabei sind die Bilder vom jeweils anderen nicht nur Zerrbilder, sie sind oft auch um Jahrzehnte älter als diejendigen, die sie artikulieren. Ich will hier versuchen, Bezüge inhaltlicher und personeller Natur, die dennoch immer zwischen beiden Bewegungen bestanden, zu beleuchten.

Dies hat auch in einer Festschrift für Peter Lampasiak seine Berechtigung, der biographisch mit beiden Jugendbewegungen in Berührung kam: Als Kind wuchs er in die sozalistischen Arbeiter- und Künstlerkreise Berlins hinein, kam früh mit der "bürgerlichen" Jugendbewegung in Berührung und im späteren Leben wirkte er über sein Berufsleben hinaus an der Waldorfschule, dem wohl erfolgreichsten Flügel der historischen Reformpädagogik. Als Mitbegründer von "Artaban", einer freien Fahrtengemeinschaft in der Tradition des Wandervogel, wirkt sein Einfluss in der heutigen Jugendbewegung fort.

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts, zu Beginn der Geschichte der Jugendbewegung war die deutsche Gesellschaft in unterschiedliche gesellschaftliche Milieus segmentiert. Die gutbürgerlichen Familien entstammenden Wandervögel am Steglitzer Gymnasium, die gemeinsam mit ihrem nur wenige Jahre älteren Lehrer für Stenographie Karl Fischer Wanderungen unternahmen und sich wie die mittelalterlichen wandernden Studenten "Scholaren" oder "Pachanten" nannten, wären wohl kaum auf den Gedanken gekommen, dass ihr "wildes Treiben" etwas mit den Bestrebungen der Jungarbeiter und Lehrlinge gemeinsam hätte, die sich nur wenig später zu organisieren begannen. In beiden Fällen jedoch waren diejenigen, von denen man sich abgrenzen wollte die ältere Generation des eigenen Milieus: Eltern und Lehrer der Bürgerkinder und Lehrherren, Vorarbeiter und (erst in zweiter Linie) die Eltern der Arbeiterjugend.

Jugendliche, zunächst überwiegend aus dem Bürgertum, begannen sich als eigene gesellschaftliche Gruppe zu begreifen und nach eigenen Lebensformen zu suchen: Wandern, in der Natur "abkochen" und sogar draußen zu übernachten. Auch zur Kultur sollte ein eigener, "unverbildeter" Zugang gefunden werden. Hierin lag eine Provokation der "Erwachsenen", die dem "wilden Streifen" ihrer Spröslinge zum großen Teil verständnislos gegenüberstanden, es war aber auch der Versuch eigene neue Formen des Zusammenseins zu finden. Bald war auch ein passender Name für diese Gruppen von wild angezogenen und sich noch wilder fühlenden jungen Männern gefunden: Wandervögel.

Das klang frei und fern der etablierten bürgerlichen Welt des Kaiserreiches. Man wollte sich absetzen von der künstlichen, steifen und einengenden Welt der Erwachsenen, die einen in feste Rollen zwängen und für individuelles Streben und echte Gefühle keinen Raum lies. Bald gab es auch Mädchengruppen, - Rosa Lampasiak, Peters Mutter, gehörte einer der ersten dieser Gruppen an - die es sowohl gegenüber den Erwachsenen schwerer hatten, als auch von vielen ihrer männlichen Altersgenossen als "unweiblich" abgelehnt wurden.

In vielen Städten des Deutschen Reiches entstanden Wandervogelgruppen, die selbstbestimmt die Natur erleben, echte Gemeinschaften bilden, die dekadente Kultur erneuern und angemessenere Formen des Zusammenlebens der Menschen suchen wollten. Ihren Höhepunkt erlebte diese Bewegung am Vorabend des 1. Weltkrieges: Im Oktober 1913 trafen sich auf dem Hohen Meissner bei Kassel viele tausend Junge Menschen um ihrem Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen:

...mehr im dem Buch »Auf dem Weg« Erscheinungsdatum: 12.12.2008
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