Leseprobe

Ich lebe für ein Jahr in Indien
von Marko Beilfuß


Ich hätte mir nie träumen lassem, ein Jahr in Kalkutta zu wohnen - solange ich denken kann, habe ich auf dem Land gelebt. Jetzt befinde ich mich inmitten dieses riesigen, stinkenden, mit Müll verdreckten und mit Menschen und Autos voll gestopften Molochs.

Kalkutta hat 16 Millionen Einwohner, doch das ist nur eine Schätzung, am besten erfahren kann man das, wenn man versucht eine der ständig überlasteten Straßen zu überqueren. Allzu häufig hört man in Deutschland den Spruch: »Die Straße ist dicht, da geht nichts mehr«.

Hier aber hat man wirklich keinen Fingerbreit mehr Platz, wenn Tausende Inder versuchen zur gleichen Zeit in den Stadtkern oder aus ihm heraus zu kommen. Wo in Deutschland noch mit dem Fahrrad oder dem Motorrad problemlos durch die Mittelgasse gefahren werden kann, bewegen sich die Menschen in Indien dicht gedrängt vorwärts. Millionenfach kommt es zu Beinaheunfällen- jeden Tag sterben in kalkutta mehrere Menschen im Strassenverkehr.

Doch was hat mich hierher verschlagen, warum will ich ein Jahr lang zusammen mit Ziegen, Kühen, Kakerlaken, Mäusen, Ratten und, nicht zu vergessen, Tausenden von Indern Tür an Tür wohnen? Warum nehme ich es auf mich, alle zwei Wochen einen Infekt im Magen, im Auge oder sonstwo am Körper zu haben?

Warum setze ich mich der Gefahr aus, an Malaria, Gelbsucht oder Typhus zu erkranken? Ich denke, die Antwort ist ganz einfach: wegen der Wandergruppe, wegen Artaban. Lampi hat zu mir einmal gesagt »Das ist das wichtige, wenn wir auf Fahrt gehen. Nur wenn wir Abenteuer erleben und uns in Gefahr befinden, können wir neue Erfahrungen sammeln. Deswegen heißt es Erfahrung.«

Ich bin hier in dem größten Ghetto Kalkuttas und nicht im Wald, ich wohne in einem Haus mit mehr als sechs Stockwerken und nicht in einer Kohte, ich esse Essen, das andere für mich einkaufen, zubereiten und meistens sogar bereitwillig servieren, und trage mein Essen nicht mit mir auf dem Rücken herum, muss es nicht selber kochen und auch nicht aus kleinen halbverdreckten Koschis essen, trotzdem knüpft mein Leben für mich nahtlos an meine Wandergruppenvergangenheit an.

Wäre ich nicht nach Russland gefahren und hätte die Seele der Russen ein wenig kennengelernt und hätte ich nicht in der Waldorfschule in Woronesh mit angepackt, hätte ich nicht in Kroatien auf einem Bauernhof für behinderte Menschen gearbeitet und hätte ich nicht die wunderbare unvergleichbare Landschaft Kroatiens kennengelernt, ich weiß nicht, ob in mir auch dieser unerklärliche Antrieb gewesen wäre, für ein Jahr in ein Land zu gehen.

Das möglichst weit weg ist und dessen Kultur und seine Menschen so unterschiedlich und so fremdartig gegenüber unserer Kultur und unseren Menschen sind wie möglich. Ich wollte vielleicht ein paar Gefahren eingehen und daraus lernen, auf jeden Fall wollte ich eine Menge Erfahrungen sammeln. Deswegen ist Indien für mich wie ein Jahr lang auf Fahrt sein.

Das Leben im Ghetto ist recht einfach, nicht alles hier ist mit unvorstellbar hohen Preisen belastet, die den Gegenwert des Produktes allein durch den dahinterstehenden Markennamen rechtfertigen. Ein Brot besteht aus Mehl und ein wenig Wasser - fertig.

Die Arbeitskraft, die ein Inder dafür aufwendet. scheint in Anbetracht der über hunderte von Millionen in Indien lebenden potenziellen Arbeitskräfte kaum ein paar Cents wert zu sein. Und so verhält es sich mit allen Dingen des täglichen Lebens. Wer sich hier in ein Restaurant begibt, der wird wohl maximal 20 Cents für eine Mahlzeit ausgeben. Meistens isst man aber Zuhause, da man es sich nicht leisten kann, ständig soviel Geld auszugeben.

...mehr im dem Buch »Auf dem Weg«
Erscheinungsdatum: 12.12.2008
Subskriptionspreis: 29 Euro (Ladenpreis: 36 Euro)